Pressetext

Zeitgeister - Eine Werkschau

Irrlichternde Beamte und fehlende Füße.
Ein großer müder Gott, ein kleiner wacher Künstler,
Richard der Dritte und Hubert der Letzte.
Die geile Geli, kotzende Holzwürmer,
zersoachte Straßenecken und Zwergedellatschen.
Kürbissrosettenstecher und Fickmeister.
Pampelmusenentkerner, Pizzas ohne Artischuck,
Schrumpfköpf und Semmebatzlaung.
Einarmige Gitarristen und junge wilde Dramatiker.
Dies irae und olle sanma a bißal gleich.

Aus der Bild und Textfülle von 35 Jahren collagiert Sigi Zimmerschied ein
gespenstisches Mosaik, kombiniert Texte quer durch die Jahrzehnte, die miteinander
streiten, sich widerlegen, weitertreiben, auflösen.
Attacken, Nabelschauen, Hinrichtungen und Larmoyanzen.
Ein Zeitgeistertanz um den Irrglauben der Evolution.
Eine Hymne an das Vergnügen der Heillosigkeit.
Werkschau und Wiedergeburt.

Und wem das alles zu kryptisch klingt, dem sei nahe gelegt, was der ansonsten so
verschlossene Heimatdichter Thomas Bernhard in einfachen Worten und voll
Bewunderung über ihn in der Bäckerblume geschrieben hat:

„Was er, der daneben lebt wie ein Scheißhaussepp, ausschwitzt,
beschenkt alle Betondeppen und Diddihasis mit der Gnade des Hirnrisses, damit der
miese, verfaulte, dreckige Dreck entweichen kann
und sie mit allen Schartls in Frieden und Freiheit frohlispeln: Ihobs.“

 

Kritik

Zeitgeister

Das Drama der Deformation
Sigi Zimmerschied mit der Quintessenz eines Bühnenlebens

Unterhaching - Ohne das Radikale gibt es keine nachhaltige Veränderung. Selbst die langsamste Evolution arbeitet im Detail mit der Mutation, also einem radikalen Schnitt mit dem Bisherigen. Der vielleicht radikalste Kabarettist der vergangenen 35 Jahre heißt Sigi Zimmerschied. Seine monströsen, die gewohnten Grenzen – sowohl was die theatralische Darstellungsform wie die Schärfe und Konsequenz angeht – sprengenden Programme haben die deutsche Kabarettlandschaft verändert. Er war der Vorreiter eines aufs Individuum abzielenden Typenkabaretts, das die immer oberflächlicheren Politpossen der Ensembles ablöste, und er ist noch heute ein aufklärerischer Solitär in Zeiten des unterhaltenden Konsumkabaretts.

Wie schon bei zurückliegenden Bühnenjubiläen hat Zimmerschied jetzt zum 35. Bühnengeburtstag ein Best-of-Programm eingeschoben. Was, wie auch am vergangenen Mittwoch im Unterhachinger Kubiz schnell klar war, bei ihm keine bloße Wiederholung ist. In seiner Werkschau „Zeitgeister“ fügt er kunstvoll alte Nummern mit kleinen Aktualisierungen zu etwas Neuem an -  und ineinander. Das Ergebnis ist so überzeugend, weil es die Quintessenz seines kabarettistischen Wesens und Schaffens deutlich macht wie nie zuvor: Zimmerschied geht es nicht eigentlich um den Kampf  gegen die alten Passauer und neuen Münchner Feinde, wie es viele Kritiker bis heute unbelehrbar postulieren. Es geht viel grundsätzlicher um die Deformation des Menschen. Um die Deformation in einem machtgeilen , seine unrühmlichen Existenzgründe kompensierenden CSU-Lokalpolitiker, in verdruckste Hofschranzen oder in bigotte Pfaffen ebenso wie um die Deformationen in zynische Westentaschenrevoluzzer, in versoffene und desillusionierte „ Rote“, in verhuschte und in die Esoterik abgedriftete Realitätsflüchtige, in nur noch in der Vergangenheit lebende Hausfrauen oder in rotzige, nicht minder geistferne Null-Bock-Posierer, wie er sie alle schon prototypisch in seinem „Klassentreffen“ an einen Tisch geholt hat. Das nahm nun sinnigerweise wieder breiten Raum ein. Kongenial verknüpft allerdings mit der Episode aus seinem Kinofilm „Schartl“, in dem ein Biedermann sich im Konformismus verliert: Einen Untergebenen hat der Beamte noch für die Verwechslung eines Formblatts zusammengestaucht, anschließend verwechselt er auf einer Odyssee durch die Wohnung für Wohnung identische Reihenhaussiedlung das eigene Leben.

Nicht zuletzt ging es bei diesen „Zeitgeistern“ auch um die Deformation in einen Kabarettisten, also wie immer bei ihm auch um schonungslose Introspektive. „Warum muss ich immer so derb sein, warum krieg ich nie eine normale Kabarett- oder Comedynummer hin“, räsonniert er da – dem Programm „Ihobs“ entnommen -  im Publikum, das er dann versuchsweise „bemariobarthelt“. Aber, und das brachte dann sein geniales wütendes Zwiegespräch mit einem abgetakelten, desillusionierten  Gott auf den Punkt: Der Sigi Zimmerschied kann halt einfach nicht aus seiner Haut. Gott sei Dank.

Oliver Hochkeppel
Süddeutsche Zeitung


Zeitgeister
Geächtet und geachtet


„Aus der Bild und Textfülle von 35 Jahren collagiert Sigi Zimmerschied ein gespenstisches Mosaik, kombiniert Texte quer durch die Jahrzehnte, die miteinander streiten, sich widerlegen, weitertreiben, auflösen. Attacken, Nabelschauen, Hinrichtungen und Larmoyanzen. Ein Zeitgeistertanz um den Irrglauben der Evolution. Eine Hymne an das Vergnügen der Heillosigkeit. Werkschau und Wiedergeburt.“

So lautet der Ankündigungstext für das neue Programm„Zeigeister“ von Sigi Zimmerschied. Blöd jetzt – weil dem ist in Wahrheit gar nicht mehr viel hinzuzufügen. Der kabarettistischeÜberzeugungstäter aus Bayern leistet nämlich ganze Arbeit. Ihm gelingt die nahezu nahtlose Verflechtung von knapp zwanzig eindrucksvollen Szenen und Nummern zu einer furiosen, zornigen Retrospektive. Vom strengen Mief hinter jenem Trafokasten, wo sich der Autolackierer Maurer mit jahrzehntelanger Konsequenz in das Mauerwerk und die Passauer Geschichte eingebrunzt hat, über den Klassiker„Klassentreffen“ und die unvergesslichen „Kritiker als Suppeneinlagen“ bis hin zu Hans-Georg Wimmers grotesken Suche nach den eigenen vier Wänden in Zimmerschieds 15 Jahre altem Kinofilm „Schartl“.

Als 10-Jähriger bekam der kleine Sigi im Zeugnis die Bemerkung verpasst: „Der aufsässige Schüler muß auch in Zukunft ständigüberwacht werden.“ Und dieser Einschätzung verunsicherter Autoritäten wird er bis heute gerecht. Zimmerschied ist ein besessener Moralist, der keine Kompromisse eingeht. Sollen sich doch die hirnlosen Comedians mit ihren billigen Witzchen goldene Nasen verdienen. In seinem Konjunkturkoffer hat er nur „Schartl“-DVDs. Und die verkauft er nach der Vorstellung eigenhändig an sein Publikum. Zimmerschied hat sich in all den Jahrzehnten jene Unabhängigkeit bewahrt, die es ihm erlaubt, sich bei seinen Attacken nur an seiner eigenen Werteskala zu orientieren. Zimmerschied darf auf Politiker, Banker und Kleriker, ja sogar auf Künstler und Kollegen eindreschen. Rücksichtslos, wenn ihm danach ist. Weil er Recht hat. Weil nur er bestimmt, was richtig ist. Und dafür wird er geächtet oder geachtet. Mit seiner verbalen Radikalität bleibt Zimmerschied nie an der Oberfläche. Erst wenn er sich zu den harten Wurzeln des Übels vorgearbeitet hat, fährt er die Krallen richtig aus. Und dann wird schonungslos gemetzelt. Wer sich in diesen ewigen Tiefen bewegt, braucht sich um Aktualität kaum Gedanken zu machen. Leider. An der Basis bleibt fast alles gleich. Natürlich ist „Zeitgeister“ ein zeitloses Programm. Weil Zimmerschieds Texte und Typen nur selten Reaktionen auf vordergründige Auswüchse der üblen Wurzeln waren. Es war nie Zeit für ein Zimmerschied-Programm. Deshalb sind sie immer hoch an der Zeit. Und deshalb sollte man sich Zeit für sie nehmen.

„Und wem das alles zu kryptisch klingt“ – und damit sei abschließend abermals der Ankündigungstext zitiert – „dem sei nahe gelegt, was der ansonsten so verschlossene Heimatdichter Thomas Bernhard in einfachen Worten und voll Bewunderung über ihn in der Bäckerblume geschrieben hat: Was er, der daneben lebt wie ein Scheißhaussepp, ausschwitzt, beschenkt alle Betondeppen und Diddihasis mit der Gnade des Hirnrisses, damit der miese, verfaulte, dreckige Dreck
entweichen kann und sie mit allen Schartls in Frieden und Freiheit frohlispeln: Ihobs.“

Peter Blau



Interview

Eine Grundallergie gegen die Enge

Kabarettist Sigi Zimmerschied zeigt sein aktuelles Programm „Zeitgeister“ ab heute im Scharfrichter - Ein Gespräch über Themen, TV-Verdummung und Passau

Wenn Sigi Zimmerschied die „Zeitgeister“ ruft, dann kommt ein Gottvater aus der „Himmelskonferenz“ und ein Ihobs aus der Garderobe, dann lebt ein Schüler beim Klassentreffen ebenso auf wie eine geile Geli und ein irrlichternder Beamter.
Figuren aus 35 Jahren Kabarettleben.
Nein, ein „Best-of-Programm“, in dem die Szenen hintereinander nur so weggespielt werden, will Sigi Zimmerschied in seinem aktuellen Programm nicht bieten. Wenn er die „Zeitgeister“ ruft - das Programm hat heute Passau-Premiere -, dann wird daraus ein neuer satirischer Text, der in sich funktionieren muss.
„Fragmente und Figuren, die oft dreißig Jahre auseinanderliegen, kommunizieren miteinander“, sagt Sigi Zimmerschied und blickt auf den Inn, der vor seinem Haus vorbeifließt. Lange hat er nach einem Begriff für diese satirische Collage gesucht - Montage schien der geeignetste.

Fragmente und Figuren
im Dialog miteinander

„Für den, der die Programme kennt, besteht der Reiz darin, wie sie montiert sind, für den, der die Texte nicht kennt, ist es ein neues Programm.“
Dabei will er eng verzahnen, werden die einzelnen Szenen oft durch einen Blick, eine Geste oder ein Requisit weitergeführt.
Hat er eine Veränderung seiner Figuren bemerkt ?
„Vor 1990 waren sie holzschnittartig, kräftiger, bodenständiger.
Nach „Ausschwitzn“ werden sie fragiler, zerfallen wie der Reihenhausbewohner im ,Schartl‘, der im Nichts endet.“
Ja, als Besucher seiner Programme kann man ihm da nur recht geben. Was sie alle eint: ihre Präsenz in ihrer Eigenwelt, der glasklare, sezierende und manchmal auch zweifelnde Blick ihres Autors auf sie und der sich in sie hineinbeissende und sie in jeder Sekunde mit voller Körperpräsenz und akkurater Kunstsprache zum Leben erweckende Schauspieler.
Das alles erlebt der Kabarett-Besucher mit Sigi Zimmerschied in einer Person.

Verwalter des Schwachsinns

Film, das ist für ihn ein zweischneidiges Schwert. Seine Weiterentwicklung als Schauspieler findet er weniger heikel, weil es gute Regisseure gibt, die ihn besetzen, wie zum Beispiel Marcus H. Rosenmüller.
„Das Hauptproblem ist, eigene Ideen umsetzen und dafür Partner zur Finanzierung zu finden. Quotenangst geht in den Köpfen um“, hat er festgestellt. Beim BR sei über die Comedy-Welle der Populismus stark geworden.
„Fernsehredakteure sind früher Gestalter eines Bildungsauftrages gewesen, jetzt sind sie nur noch Verwalter des Schwachsinns.“ Die formale Zensur habe die inhaltliche abgelöst. „Man kann vielleicht immer mehr sagen, aber in immer weniger Formen.“

Deshalb arbeitet er auch an einem Programm „unerhörter Texte“, die bringen, was sich keiner zu bringen traute. Eine skurrile Geschichte „Ministrantula“ über einen mutierenden Gottesdiener, eine Art „Peepshow“ über einen psychotherapeutischen Freigänger, der sich quasi Künstler „hält“.
Für dieses Fernsehprojekt hätte er Künstler wie Edgar Selge, Josef Hader und Ars Vitalis gewonnen, aber den Fernseh-Verantwortlichen war es zu anspruchsvoll.
„Es ist mit der Begründung: , Das ist zu gescheit, das verkraftet unser Freitagabend-Publikum nicht’ abgelehnt worden.“
Sigi Zimmerschied ist sich vorgekommen, wie damals vor 30 Jahren, als er beim Gogeißl in Passau stand und der ablehnte, den „Hirtenbrief“ zu drucken. Nur jetzt, nach 30 Jahren, stand er in München beim BR.
Wie geht man mit solchen Begründungen um ?
„Mit Ironie, Satire und Sarkasmus. Und mit Lesungsabenden. Ich muss nicht ganz dersticken, wenn was nicht veröffentlichbar ist.“
Satire ist für ihn ein therapeutischer Weg. „Ich bin froh, dass ich ihn hab.“

Da war sie wieder die Enge, die Thema in allen Kabarettprogrammen ist. „Mein Generalthema - jeder Künstler hat eines - ist geblieben, nur die Wahrnehmungen haben sich geändert. Meine Satire war damals eine Reaktion auf das damalige Passau, die CSU, die Kirche und den Klerus. Es war eine Reaktion auf die Enge, die Opportunisten, die Anpassung. Ich habe mich damals mehr gegen einen Zustand gewehrt als gegen die Institutionen. Dahinter steht eine Grundallergie gegen die Enge.“
Passau war halt nur der Ort, wo er aufgewachsen und zur Schule gegangen war, wo er diese Enge empfunden hat. Andrerseits war dies auch der Ort, „von dem immer eine Faszination ausging, von der Architektur, den Menschen, dem Wasser, der Literatur, dem Umland, von dem Dreiländergemisch, wo sich bayerischer, österreichischer und böhmischer Humor getroffen haben.
„Je mehr man bekämpft worden ist, desto weniger wollte man weg.“

Eine Gegenwelt in
Österreich

Die Weite für seine Arbeit findet Sigi Zimmerschied in den Sommermonaten in Kneiding gleich über der Grenze, in seinem Austragshäusl, wo er die Hektik des Tourneelebens ausblenden kann. Österreich war schon als Kind ein Ziel: Am Wochenende, da ging man mit der Familie ins Waldschloss, nach Hareth oder Saming. Dort war das Essen ein bissl anders, die Leitplanken ein bissl weniger und der Dialekt ein bissl skurriler. Das ist dem Buben damals schon aufgefallen.
Heute findet er dort, wo er im Sommer Hendln, Enten und Schafe züchtet, die im Winter in die Gefriertruhe wandern, Ruhe und einen Lebensraum fürs Schreiben.
„Ich habe mir ganz bewusst eine Gegenwelt geschaffen.“ In Kneiding kommt er in einen ganz anderen Rhythmus, ist konzentrierter, meditativer.
„Viel Überflüssiges verabschiedet sich aus dem Hirn.“

Edith Rabenstein
Passauer Neue Presse