Kabarettist Sigi Zimmerschied zeigt sein aktuelles Programm „Zeitgeister“ ab heute im Scharfrichter - Ein Gespräch über Themen, TV-Verdummung und Passau
Wenn Sigi Zimmerschied die „Zeitgeister“ ruft, dann kommt ein Gottvater aus der „Himmelskonferenz“ und ein Ihobs aus der Garderobe, dann lebt ein Schüler beim Klassentreffen ebenso auf wie eine geile Geli und ein irrlichternder Beamter.
Figuren aus 35 Jahren Kabarettleben.
Nein, ein „Best-of-Programm“, in dem die Szenen hintereinander nur so weggespielt werden, will Sigi Zimmerschied in seinem aktuellen Programm nicht bieten. Wenn er die „Zeitgeister“ ruft - das Programm hat heute Passau-Premiere -, dann wird daraus ein neuer satirischer Text, der in sich funktionieren muss.
„Fragmente und Figuren, die oft dreißig Jahre auseinanderliegen, kommunizieren miteinander“, sagt Sigi Zimmerschied und blickt auf den Inn, der vor seinem Haus vorbeifließt. Lange hat er nach einem Begriff für diese satirische Collage gesucht - Montage schien der geeignetste.
Fragmente und Figuren
im Dialog miteinander
„Für den, der die Programme kennt, besteht der Reiz darin, wie sie montiert sind, für den, der die Texte nicht kennt, ist es ein neues Programm.“
Dabei will er eng verzahnen, werden die einzelnen Szenen oft durch einen Blick, eine Geste oder ein Requisit weitergeführt.
Hat er eine Veränderung seiner Figuren bemerkt ?
„Vor 1990 waren sie holzschnittartig, kräftiger, bodenständiger.
Nach „Ausschwitzn“ werden sie fragiler, zerfallen wie der Reihenhausbewohner im ,Schartl‘, der im Nichts endet.“
Ja, als Besucher seiner Programme kann man ihm da nur recht geben. Was sie alle eint: ihre Präsenz in ihrer Eigenwelt, der glasklare, sezierende und manchmal auch zweifelnde Blick ihres Autors auf sie und der sich in sie hineinbeissende und sie in jeder Sekunde mit voller Körperpräsenz und akkurater Kunstsprache zum Leben erweckende Schauspieler.
Das alles erlebt der Kabarett-Besucher mit Sigi Zimmerschied in einer Person.
Verwalter des Schwachsinns
Film, das ist für ihn ein zweischneidiges Schwert. Seine Weiterentwicklung als Schauspieler findet er weniger heikel, weil es gute Regisseure gibt, die ihn besetzen, wie zum Beispiel Marcus H. Rosenmüller.
„Das Hauptproblem ist, eigene Ideen umsetzen und dafür Partner zur Finanzierung zu finden. Quotenangst geht in den Köpfen um“, hat er festgestellt. Beim BR sei über die Comedy-Welle der Populismus stark geworden.
„Fernsehredakteure sind früher Gestalter eines Bildungsauftrages gewesen, jetzt sind sie nur noch Verwalter des Schwachsinns.“ Die formale Zensur habe die inhaltliche abgelöst. „Man kann vielleicht immer mehr sagen, aber in immer weniger Formen.“
Deshalb arbeitet er auch an einem Programm „unerhörter Texte“, die bringen, was sich keiner zu bringen traute. Eine skurrile Geschichte „Ministrantula“ über einen mutierenden Gottesdiener, eine Art „Peepshow“ über einen psychotherapeutischen Freigänger, der sich quasi Künstler „hält“.
Für dieses Fernsehprojekt hätte er Künstler wie Edgar Selge, Josef Hader und Ars Vitalis gewonnen, aber den Fernseh-Verantwortlichen war es zu anspruchsvoll.
„Es ist mit der Begründung: , Das ist zu gescheit, das verkraftet unser Freitagabend-Publikum nicht’ abgelehnt worden.“
Sigi Zimmerschied ist sich vorgekommen, wie damals vor 30 Jahren, als er beim Gogeißl in Passau stand und der ablehnte, den „Hirtenbrief“ zu drucken. Nur jetzt, nach 30 Jahren, stand er in München beim BR.
Wie geht man mit solchen Begründungen um ?
„Mit Ironie, Satire und Sarkasmus. Und mit Lesungsabenden. Ich muss nicht ganz dersticken, wenn was nicht veröffentlichbar ist.“
Satire ist für ihn ein therapeutischer Weg. „Ich bin froh, dass ich ihn hab.“
Da war sie wieder die Enge, die Thema in allen Kabarettprogrammen ist. „Mein Generalthema - jeder Künstler hat eines - ist geblieben, nur die Wahrnehmungen haben sich geändert. Meine Satire war damals eine Reaktion auf das damalige Passau, die CSU, die Kirche und den Klerus. Es war eine Reaktion auf die Enge, die Opportunisten, die Anpassung. Ich habe mich damals mehr gegen einen Zustand gewehrt als gegen die Institutionen. Dahinter steht eine Grundallergie gegen die Enge.“
Passau war halt nur der Ort, wo er aufgewachsen und zur Schule gegangen war, wo er diese Enge empfunden hat. Andrerseits war dies auch der Ort, „von dem immer eine Faszination ausging, von der Architektur, den Menschen, dem Wasser, der Literatur, dem Umland, von dem Dreiländergemisch, wo sich bayerischer, österreichischer und böhmischer Humor getroffen haben.
„Je mehr man bekämpft worden ist, desto weniger wollte man weg.“
Eine Gegenwelt in
Österreich
Die Weite für seine Arbeit findet Sigi Zimmerschied in den Sommermonaten in Kneiding gleich über der Grenze, in seinem Austragshäusl, wo er die Hektik des Tourneelebens ausblenden kann. Österreich war schon als Kind ein Ziel: Am Wochenende, da ging man mit der Familie ins Waldschloss, nach Hareth oder Saming. Dort war das Essen ein bissl anders, die Leitplanken ein bissl weniger und der Dialekt ein bissl skurriler. Das ist dem Buben damals schon aufgefallen.
Heute findet er dort, wo er im Sommer Hendln, Enten und Schafe züchtet, die im Winter in die Gefriertruhe wandern, Ruhe und einen Lebensraum fürs Schreiben.
„Ich habe mir ganz bewusst eine Gegenwelt geschaffen.“ In Kneiding kommt er in einen ganz anderen Rhythmus, ist konzentrierter, meditativer.
„Viel Überflüssiges verabschiedet sich aus dem Hirn.“
Edith Rabenstein
Passauer Neue Presse