„Jeder von uns kann ein kleiner Erpresser werden“Kabarettist, Autor, Schauspieler: Sigi Zimmerschied über sein neues Programm „Reißwolf“, seine TV-Rollen und die junge Liebe zum Hörspiel
Vor dem Inhalt kommt die Form Der Passauer Kabarettist, Autor und Schauspieler wollte das Programm schon vor einem Jahr machen, hat es dann aber liegengelassen und die „Lachdichter“ produziert. „Ich habe auf meinen Instinkt gehört, dass die Figur noch nicht reif ist. Ich vertrau auf meinen Instinkt.“ Er brauchte den Sommer in Kneiding, im nahen Österreichischen, wo sich Sigi Zimmerschied zum Schreiben zurückzieht . „Den Rhythmus der Ruhe“, nennt er das. Das neue Programm hat − wie „Der Scheißhaussepp“ oder „Ausschwitz’n“ − wieder eine Figur mit Biografie. Bei Sigi Zimmerschied kommt vor der inhaltlichen Idee die formale. „Die dunklen Eigenschaften soll sich meine Figur im Dunkeln erarbeiten − und mit ihm das Publikum“, sagt Zimmerschied. Im ersten Teil wird eine Erpresserbiografie entwickelt im Dunkeln, nur mit Stableuchte. Im zweiten Teil zeigt der Kabarettist die politische Dimension dieser Eigenschaften. „Das ist eine Thematik, da kann man sich schnell wegducken ins allgemein Politische, Wikileaks und Ackermann. Mir geht es aber darum, die Gefahr zu erkennen, dass jeder von uns ein kleiner Erpresser werden kann. Ich entlasse das Publikum ungern aus der Verantwortung oder Beliebigkeit.“ Adalbert Stauber, so der Name seiner fiktiven Hauptfigur, wühlt sich durch einen Keller mit einer Stablampe, wie sie Kfz-Mechaniker benutzen. „Mit dieser Stablampe kann man Raum und Menschen immer wieder neu definieren, sei es Himmel, Hölle, Bunker oder der Arsch vom Ackermann.“ Für den Autor Sigi Zimmerschied ist das eine „Idealposition, weil man alles möglich machen kann, auch metaphysische Räume“. Für den Schauspieler bedeutet es, zu seinem eigenen Beleuchter zu werden. Ist das nicht weit anstrengender als die übliche Handhabe mit der Requisite? „Schon“, sagt er, „aber angesichts der Sparmaßnahmen bei kleinen Bühnen, auf denen ich oft spiele, bin ich oft mit Technikern konfrontiert, die des Scheinwerfers nicht mächtig sind, da bin ich mit der Stablampe besser bedient.“ Künstlerische Arbeit hatetwas Zwanghaftes „Reißwolf“ ist an der Grenze zum Hörspiel, das Sigi Zimmerschied immer mehr zu schätzen weiß. Anfang Mai nimmt er den zweiten Teil des Hörspiels „Der Kreuzeder“ von Jörg Graser auf; die Figur des dicken Kommissars Kreuzeder vom Morddezernat Passau ist Sigi Zimmerschied ans Herz gewachsen; auch wenn jetzt − nach dem Tod von Robert Mateijka − die Räume dieses Spiels nur noch digital gebaut werden. „Man spricht anders, wenn man über echten Kiesel geht, als wenn man es sich nur vorstellt.“ Auch beim Hörspiel-Tatort von B2, den Robert Hültner schreibt, ist er wieder dabei. Er schlüpft dort in die Rolle eines örtlichen Kanalarbeiters, der immer die Leichen findet . . . Eine junge Liebe hat der Kabarettist: „Hörspiel − das ist eine Tendenz, die bei mir noch nicht alt ist“, sagt Sigi Zimmerschied. „Ich habe erst meine Sachen machen müssen. Künstlerische Arbeit hat immer auch etwas Zwanghaftes. Bestimmte Stoffe, Themen müssen einfach durch sein.“ Er denkt, dass Hörspiel sein drittes Standbein wird, „wenn’s tolle Figuren gibt“. Sein zweites Standbein wird auch immer kräftiger: der Fernsehfilm. Eine extreme Herausforderung sieht er in dem Gegensatz zwischen forciertem Bühnenspiel und Minimalismus beim Filmdreh. Als Schauspieler ist er immer mehr gefragt: „Man strahlt offensichtlich aus: I mog wieder − und dann kommen die Leute von selbst auf mich zu.“ Im Sommer wird die Filmkomödie „Eine ganz heiße Nummer“, in der Sigi Zimmerschied einen Pfarrer spielt, beim Münchner Filmfest präsentiert. Der Film, der wegen des „Kirchendrehverbots“ in der Oberpfalz schon vorab Schlagzeilen gemacht hat, kommt im Herbst in die Kinos. Demnächst läuft die Folge „Angstgegner“ in der ZDF-Krimi-Reihe „Unter Verdacht“ mit Senta Berger und Ulrich Tukur. Zimmerschied spielt darin den zwielichtigen Unternehmer Alfred Dernlinger. Außerdem wird es für Sigi Zimmerschied einen neuen „Polizeiruf“ mit Matthias Brandt geben. Die Fernsehfilme interessieren Sigi Zimmerschied weit mehr als das Fernsehkabarett: „Ich entdecke in der Fernsehfilmwelt ambitioniertere Redakteure als in der Kulturwelt. Was an Kabarett im Fernsehen läuft, ist zum Davonlaufen schrecklich.“ Edith Rabenstein (Passauer Neue Presse v. 12.03.2011) |